Donnerstag, 9 of September of 2010

Tag » Camp

Fahnenappell

06:30 Uhr war die Nacht das zweite Mal zu ende. Das erste Mal muss irgendwann gegen 04:00 Uhr gewesen sein, als sich die gefühlten Null Grad allmählich aber doch zielstrebig durch den Schlafsack durchgearbeitet hatten. Gepaart mit dem lebensgefährlichen Sägegeräusch aus dem Nachbarzelt (ich werde dem Kollegen mal eine Nacht zur medizinischen Beobachtung im Schlaflabor nahe legen …) wirkte diese Mischung heftig erwachend. Also raus aus dem Zelt zum Fahnenappell oder so ähnlich – nur außer uns war noch keiner wach …

Angefangen hatte die Nacht so gegen 03:00 Uhr, nachdem die Stromgeneratoren der Servicefahrzeuge und die fröhlichen Menschen nebenan dann so langsam verstummt sind. Der lautstark erzeugte Strom wurde aber am Aufbautag - oder besser in der Aufbaunacht - des Camps nicht etwa für echte Rallye-Services benötigt, sondern für Zwecke der Bierkühlung und für bunte Partybeleuchtung am Daktec Servicetruck. Hier herrschen das Team von Matthias Krüger und garantiert allzeit gute Stimmung!

Wir haben also überlebt! Die erste kalte Nacht im Fahrerlager der Baja Saxonia 2010, das ist doch schon mal was. Nachdem wir gestern unseren YellowCruiser das erste Mal auf dem Trailer und am Rallye-Bus hängen hatten, sind wir mit der gesamten Fuhre gut im Camp gelandet. Damit hat der Rallye-Bus seine eigentliche Feuertaufe gut bestanden!

Anmeldung, Zeltaufbau, Sponsorenaufkleberanbringen, technische Abnahme gingen dann bis zum Einbruch der Dunkelheit schnell voran. Zeit zum schlaue Sprüche machen war da noch nicht. Aber mit Einbruch der Dunkelheit und der verteilten Menge entsprechender Getränke wurde dann der „gesellige“ Teil des Abends eingeläutet. Und man konnte wieder beobachten, wie sich Lautstärke und inhaltlicher Anspruch diverser Kommunikation umgekehrt proportional verhalten, wobei Zeit und die erste Ableitung des Getränkekonsums mindestens quadratisch in diese Formel eingehen.

Beim Frühstück waren wir außer dem ORGA-Team die ersten Kaffeetrinker von 344 Teams! Wieso wird dies eigentlich nicht im Rallye-Reglement bewertet? Hier hätten wir eine gute Chance etwas Zeit gut zu machen …

Jetzt müssen wir erst einmal das Roadbook studieren und uns mental auf den Prolog einstimmen.

Fortsetzung folgt!

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Rallye-Zug
Die Auswilderung des YellowCruisers beginnt
DAKTEC Rallye-Rummel-Service-Truck
Spielzeugladen für Männer
Volker kann sich nicht entscheiden
Oldie but Goldie
Großes Schiff mit Beiboot
Tri-tra-trullala; drei Trucks aus Holland sind da
Im Rallye-Camp …
… ist viel Betrieb
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Am Panzer scharf rechts!

Am nächsten Morgen ging es dann direkt ins Gelände. Natürlich erst einmal Briefing durch das MT Series Team, Papierkram unterschreiben, Roadbook fassen usw.

Das Roadbook für die erste Etappe hatte 309 Einträge, verteilt über ca. 140 km. Also 309 mal Aufpassen und die hoffentlich richtige Entscheidung treffen. 309 mal die Möglichkeit falsch abzubiegen. 309 mal Tripmaster zurücksetzen - richtige Rallyenauten sagen dazu “Nullen”. Also sagen wir ab jetzt auch “Nullen”.

Navigator Volker, der noch nie vorher ein Roadbook in der Hand gehalten hatte, geschweige denn danach gefahren war, verstand sofort, worum es ging. Und nach den ersten vier (richtigen) Ansagen waren wir ein eingespieltes Team, woran ich eigentlich vorher nie Zweifel hatte. Und es war zum Glück auch schnell klar, dass “sein” Links identisch mit “meinem” Links ist, was ja zwischen zwei Personen in einem Auto nicht immer der Fall ist. Wobei dies nach meiner Erfahrung und einer abenteuerlichen, gemeinsamen Tour mit einer netten Journalistin vor einigen Jahren rund um den Frankfurter Flughafen trotz Navigationssystem auch recht lustig sein kann. Aber wir hatten zum Glück Spaß von der anderen Sorte, eben für Männer. Manchmal war mein Gasfuß träger als Volkers “jetzt scharf rechts”, dann halfen nur Bremse und sofortiger Rückwärtsgang sowie ein gesundes Gottvertrauen, dass hinter uns kein anderes Fahrzeug stand. Zumindest ist der tote Sichtwinkel nach hinten im YellowCruiser bei mangelnder Bewegungsfreiheit - festgegurtet in den Rennsitzen - dreckverschmierten Spiegeln und schlammverkrusteter Heckscheibe ganz schön groß. Aber es ging alles gut, hatten wir doch einen ganz guten Vorsprung vor unseren Verfolgern aufgebaut.

An mancher Stelle wurde uns aber das leuchtende Gelb des YellowCruisers zum sportlichen ‘Verhängnis’ - irgendwie schienen sich die Qualitäten unseres frisch gebackenen Navigators herum gesprochen zu haben, denn die “Mitbewerber” folgen uns fast bedingungslos und hatten selbst bei großem Vorsprung und komplizierten Roadbook-Einträgen einfaches Spiel. Denn “die Gelben” waren auf dem weitläufigen Militärgelände ganz einfach zu sehen. Also einfach auf “die Gelben” draufhalten schien die Devise. “Da vorne sind die Gelben!”. Na gut, wo wir sind ist vorne!

Ich muss an dieser Stelle aber (ungern…) zugeben, dass wir uns an einem riesigen Schlammloch nicht vorne angestellt haben sondern den Bypass für Mädchen genommen haben. Wir wollten als Greenhorns den YellowCruiser nicht gleich am ersten Tag komplett im schwarzen Schlamm fluten. Mindestens ein Team der MT Series Rally hatte dort wenige Stunden vorher sein Fahrzeug verloren und rechnet damit, dass es in einigen Monaten wieder okay ist - keine Alternative für uns. Das heißt aber nicht, dass nicht genug Zeit war um das Schauspiel der Bergung von zwei festgefahrenen und beinahe abgesoffenen Jeep Cherokee zu beobachten. Einschließlich der netten und aufmunternden Kommentare der umstehenden Akteure - ja wer den Schaden hat …

Und auch um zu sehen, wie ein Kollege ganz selenruhig und mit Feingefühl mit einem (leichten …) Jeep Rubicon Zentimeter für Zentimeter durch die Passage “spazierte”. Alle Achtung!

Irgendwie verging die Zeit auf der Roadbook-Etappe insgesamt wie im Flug. Natürlich im wahrsten Sinne des Wortes, denn nichts ist schöner als ein fliegender YellowCruiser. Nur - die Landung, oder besser der Aufschlag nach dem kurzen Abheben ist ganz schön hart. Zwar hat das Fahrwerk alles problemlos weggebügelt (Kompliment DAKTEC !!) , aber am Abend tat mir das Popometer und noch einiges andere ziemlich weh. Macht nichts, für ein solches Erlebnis nimmt man einige körperliche Leiden in Kauf. Und beim gemeinsamen Ansehen der Videos der anderen Teilnehmer am Abend im Camp hörten wir hier und da den Spruch “Sieh, da vorne sind die Gelben!”. Na wenn das die Schmerzen nicht vergessen lässt …

Ankunft am MT Series Camp
Die dürfen natürlich nicht fehlen …
Start der Roadbook-Etappe
Am Panzer scharf rechts!
Angreifer von hinten
Matsch voraus
Jeeps stecken im Tiefschlamm fest
Bitte mal das Kinderzimmer aufräumen!

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Jedem sein Paradies!

Wo liegt das Paradies? Diese Frage konnte in der Literatur bisher nicht ganz vollständig geklärt werden. Aber - hier kommt die gute Nachricht für Offroader: wir haben es gefunden! Wenn es ein Paradies gibt, dann liegt es exakt bei N 53 27.427, E 015 49.556 bzw. innerhalb der umgebenden 30×30km², ca. 100km östlich von Szczecin (Stettin) im Nordwesten von Polen. Austragungsort einiger berühmt-berüchtigten Etappen der Dresden-Breslau sowie der MT Series Rally in der vergangenen Woche. Wir waren mit dem YellowCruiser dort und sind einige Roadbook-Strecken der MT gefahren. Noch ohne Wertung, aber ganz klar mit dem Ziel die Grenzen von Fahrzeug und Team auszuloten.

Offroadfreuden pur, Sand ohne Ende, Strecken für jeden Geschmack und jede Geschwindigkeit. Huckelpisten, Tiefsand, Flussquerungen, Wasser und Schlamm ganz nach Bedarf. Und freundliche Menschen! Also nicht nur in den Offroadfahrzeugen. Aber dazu mehr in den nächsten Tagen.

Am Samstag ging’s los. Knapp 6 Stunden Anfahrt bis zum Basis-Camp, im YellowCruiser wie immer eine bequeme Sache. Kurz hinter der Landesgrenze dann die erste angenehme Erfahrung: der Liter Diesel kostet umgerechnet rund 90 Cent. Da macht das Cruisen doch gleich noch mehr Spaß als zuhause! Aber der Anblick der sehr grauen Ortschaften und der deutlich unter dem für uns gewohnten Lebensstandard lebenden Leute dort stimmte uns ziemlich nachdenklich. Und dann noch der Smog, der über allen Orten hing, qualmende Schornsteine aus denen Kopfschmerzen und Magenumdrehungen verursachender Qualm stieg! Garantiert ein Ergebnis aus der Verbrennung von extrem minderwertiger Braunkohle - ganz wie vor über 20 Jahren bei uns in der Gegend um Leipzig und Espenhain. Aber war das bei uns wirklich so schlimm? Von Paradies kann diesbezüglich keine Rede sein, wie eng liegen Freud und Leid doch manchmal beisammen. Und der unaufhörliche Regen machte alles noch grauer und trostloser. Auf jeden Fall brummte uns mächtig der Schädel, als wir hungrig im Camp ankamen.

Und es war kalt in Polen. 3°C am Abend, Regen und Wind ohne Ende. Gut dass wir uns gegen das Zelt und für ein Hotelzimmer im Camp entschieden hatten. Naja, die Bezeichnung Hotel war etwas übertrieben, aber auf alle Fälle ein festes Dach über dem Kopf zum Schlafen und eine warme Dusche. Was will man mehr.

Gleich beim Ausladen ‘überfielen’ uns die männlichen Gäste einer in den Räumlichkeiten des “Hotels” stattfindenden Hochzeitsgesellschaft und wollten sich vor dem YellowCruiser fotografieren lassen. Scheinbar war unser Gelber attraktiver als die hübsche polnische Braut - was ich eigentlich nicht fand ;-). Oder war das sogar der Bräutigam selbst, der seine Braut in Anbetracht des gelben Race-Cars für einige Momente sitzen ließ? Irgendwie stolz ließen wir sie natürlich gewähren …

Leider waren die im “Hotel”-Prospekt angepriesenen Restaurants nicht vorhanden bzw. geschlossen, so dass wir uns nach einem kurzen Besuch beim örtlichen Supermarkt mit einigen Lebensmitteln für ein artgerechtes Abendessen eindecken konnten. Volker war glücklich, dass wenigstens eine bekannte Biermarke verfügbar war, wenn auch eine aus Holland …

Morgen folgt dann hier der Bericht von der ersten Etappe durchs Offroad-Paradies.

Trostlose Ortsdurchfahrt
Alt-sozialistischer Plattenbau
Hochzeitsgäste vor YellowCruiser
Offroader’s Abendmahl

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